Passform beim Stricken verstehen – Wie entsteht eine gute Passform?
- vor 13 Stunden
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Warum sitzt ein Kleidungsstück eigentlich gut?
Nicht unbedingt, weil es die richtige Größe hat. Entscheidend ist, ob seine Form mit der Form des Körpers zusammenarbeitet.
Genau dort beginnt für mich das Thema Passform.
Als studierte Mode- und Textildesignerin beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Frage, wie aus einer zweidimensionalen Fläche eine dreidimensionale Form entsteht. Beim Entwerfen denke ich deshalb nicht zuerst in Vorderteil, Rückenteil und Ärmel. Ich denke an den Körper. Und genau dieser Perspektivwechsel ist der Ausgangspunkt meiner SoN-Konstruktion.
Was bedeutet Passform überhaupt?
Passform beschreibt, wie ein Kleidungsstück mit dem Körper zusammenarbeitet.
Ein Kleidungsstück mit guter Passform liegt nicht einfach überall eng am Körper an. Es berücksichtigt die Körperform, lässt an den richtigen Stellen Bewegungsfreiheit und verteilt seine Weite so, dass eine harmonische Silhouette entsteht.
Dabei gibt es nicht die eine menschliche Körperform. Menschen unterscheiden sich in ihren Proportionen, ihrer Haltung, Schulterbreite, Brusttiefe, Taille, Hüfte und Armlänge. Zwei Menschen können beispielsweise denselben Brustumfang haben und trotzdem eine völlig unterschiedliche Körperform besitzen.
Gute Passform entsteht deshalb aus dem Zusammenspiel verschiedener Maße, Proportionen und Formen.
Ein Modell, zwei unterschiedliche Garne, zwei verschiedene Grössen, zwei individuelle Körperformen
Der Körper ist dreidimensional
Für die Passform ist ein Punkt entscheidend:
Der menschliche Körper ist kein zweidimensionales Gebilde.
Er besteht aus Rundungen, unterschiedlichen Proportionen, Höhen und Tiefen sowie beweglichen Bereichen. Besonders deutlich wird das an Schulter, Brust, Rücken, Armloch und Hüfte. Ein Kleidungsstück muss diese räumlichen Veränderungen aufnehmen können.
Dabei geht es nicht nur darum, die richtige Länge und Breite zu bestimmen. Entscheidend ist auch, wie sich diese Maße innerhalb der Konstruktion zueinander verhalten.
Wo braucht der Körper mehr Raum?
Wo soll das Kleidungsstück anliegen?
Wo muss Bewegungsfreiheit entstehen?
Und wo darf das Gestrick locker fallen?
Auch vertikale Maße spielen eine wichtige Rolle: Brusthöhe, Rückenlänge, Vorderlänge und Schulterposition beeinflussen die Form des Körpers.
Ein Rundrücken benötigt beispielsweise eine andere Rückenlänge als ein sehr aufrechter Körper. Auch die Neigung der Schultern verändert, wie ein Kleidungsstück am Hals und über den Schultern liegt.
Passform entsteht deshalb aus dem Zusammenspiel von Breite, Länge, Proportion und Körperhaltung.

Passform ist mehr als „möglichst eng“
Ein Kleidungsstück soll den Körper berücksichtigen, ihn aber nicht vollständig abbilden. Wir brauchen Bewegungsfreiheit – beim Heben der Arme, beim Sitzen und beim Bewegen des Oberkörpers. Deshalb bedeutet gute Passform nicht, ein Kleidungsstück möglichst exakt an jede Körperkurve anzulegen.
Entscheidend ist die Balance zwischen Körperform, Bewegungsfreiheit und der gewünschten Silhouette.
Dabei spielt die Mehrweite eine wichtige Rolle. Sie beschreibt den Unterschied zwischen den Körpermaßen und den Maßen des fertigen Kleidungsstücks.
Ein körpernahes Kleidungsstück braucht eine andere Mehrweite als ein lässiger Pullover oder ein Oversize-Modell.
Gute Passform bedeutet also nicht automatisch „möglichst eng“. Entscheidend ist, dass die Weite bewusst verteilt wird und zur gewünschten Form des Kleidungsstücks passt.
MARA-Pulli/fein ist zwar ein körpernahes Modell, hat aber an den wichtigen Stellen genug Raum, um sich gut bewegen zu können.
Ich denke beim Entwerfen nicht in Einzelteilen
Wenn wir einen klassischen Pullover gedanklich betrachten, liegt es nahe, ihn zunächst als Kombination verschiedener Flächen zu sehen:
Vorderteil, Rückenteil, Ärmel.
Aus diesen Flächen entsteht später das Kleidungsstück.
Dieser Gedanke ist vollkommen logisch und gehört zur klassischen Schnitt- und Bekleidungskonstruktion.
Und obwohl ich in meinem Modedesign-Studium genau diese klassische Konstruktionsweise gelernt habe, denke ich beim Entwerfen meiner Strickmodelle nicht in diesem Schema.
Wenn ich ein neues Strickstück entwickle, denke ich von Anfang an den Körper als dreidimensionales Objekt. Ich stelle mir nicht zuerst ein Vorderteil oder ein Rückenteil vor. Ich frage mich:
Wie kann ich aus einer Fläche eine dreidimensionale Form entwickeln, die sich um den Körper legt?
Wie muss sich eine Fläche verändern, damit daraus die gewünschte Form entsteht?
Das ist für mich der Ausgangspunkt der SoN-Konstruktion. Die Nahtlosigkeit ist dabei nicht mein Ausgangspunkt. Sie ist das Ergebnis der Konstruktion.
Ich entwickle die Form also nicht aus einzelnen Teilen, die anschließend miteinander verbunden werden. Ich entwickle sie aus einer Fläche heraus und verändere diese so, dass sie sich um den Körper formt.
Das ist der entscheidende Unterschied in meinem Denkansatz.
Die technische Zeichnung eines meiner Modelle: ALMA-Jacke mit Kurzarm. Die Zahlen stehen für die Reihenfolge der Arbeitsschritte in der Anleitung.
Beim Stricken kommt das Material selbst ins Spiel
Gestrick ist kein starres Material.
Es kann sich dehnen, verformen und – abhängig von seinen Eigenschaften – wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehren.
Wie sich ein Gestrick verhält, hängt unter anderem von der Faser, der Garnkonstruktion, der Strickrichtung, der Maschenstruktur und der Nadelstärke ab. Auch das Eigengewicht spielt eine Rolle.
Ein schweres, dichtes Garn verhält sich anders als ein leichtes, luftiges Gestrick.
Unter seinem eigenen Gewicht kann sich ein Strickstück mit der Zeit in der Länge verändern und dadurch seine ursprünglichen Proportionen verändern.
Das lässt sich sehr schön am Material selbst beobachten:
Das ALMA-Top aus 100 % Leinen wiegt in Größe S etwa 190 g und hat einen deutlich schwereren Fall.
Die gleiche Konstruktion aus Seide und Yak wiegt dagegen nur etwa 86 g und verhält sich entsprechend leichter.
links: ALMA-Top in Gr. S aus 100% Leinen, wiegt 190g, hat einen schweren Fall
rechts: ALMA-Top in Gr. S aus Seide & Yak, wiegt 86g und ist sehr leicht
Deshalb interessiert mich bei der Entwicklung eines Modells nicht nur, wie sich ein Garn in der Maschenprobe anfühlt.
Ich möchte wissen:
Wie elastisch ist es?
Wie fällt es?
Wie verändert es sich unter seinem eigenen Gewicht?
Die Passform eines gestrickten Kleidungsstücks entsteht deshalb nicht allein aus den Körpermaßen. Sie ist immer das Zusammenspiel von Körper, Konstruktion und Material.
Schwerkraft, Fallverhalten und diagonale Zugkräfte
Besonders interessant wird dieser Zusammenhang bei der Strickrichtung.
Denn nicht nur das Gewicht eines Strickstücks beeinflusst sein Verhalten – auch die Richtung, in der die Maschen verlaufen, bestimmt, wie sich die Kräfte innerhalb des Gestricks verteilen.
Genau hier zeigt sich eine Besonderheit der SoN-Konstruktion:
Durch die diagonale Strickrichtung entstehen andere Zugverhältnisse als bei klassisch horizontal oder vertikal aufgebauten Strickstücken.
Die Kräfte wirken nicht ausschließlich von oben nach unten, sondern verteilen sich schräg durch die Konstruktion.
Diese schrägen Zugkräfte wirken dem starken Aushängen entgegen. Das Gestrick kann seine Form dadurch besser halten, anstatt sich unter seinem Eigengewicht einfach nach unten zu verlängern. Gerade bei größeren oder schwereren Strickstücken ist das ein wichtiger konstruktiver Vorteil der SoN-Konstruktion.
Die diagonale Strickrichtung ist bei SoN deshalb keineswegs nur ein sichtbares Gestaltungselement. Sie beeinflusst ganz wesentlich, wie sich das fertige Kleidungsstück am Körper verhält.
Ohne Nähte und trotzdem formstabil dank der schrägen Strickrichtung, Zu- & Abnahmen:
die SoN-Konstruktion am Beispiel des GIGI-Pullis/medi
Bei engeren Strickstücken zeigt sich noch ein weiterer Vorteil:
Die diagonale Maschenrichtung kann sich besonders gut an die Rundungen des Körpers anschmiegen. Das Gestrick bewegt sich schräg über die Körperform und kann dadurch eine sehr natürliche, körpernahe und anschmiegsame Passform entwickeln. Man kann es sehr gut mit dem schrägen Fadenlauf beim Schneiderhandwerk vergleichen.
Wie gut sich ein körpernahes Strickstück aus der SoN-Konstruktion an den Körper anschmiegt, zeigt beispielsweise die CARLA-Weste sehr schön:

Für mich sind das zwei gute Beispiele dafür, wie eng Konstruktion und Passform miteinander verbunden sind. Nicht nur das Garn bestimmt, wie sich ein Kleidungsstück trägt. Auch die Richtung, in der gestrickt wird, beeinflusst seine Form, seine Beweglichkeit und sein Verhalten am Körper.
Die Dreiecke sind das Werkzeug für die Form
Und damit kommen wir zum Kern meiner SoN-Konstruktion.
Durch Zu- und Abnahmen lässt sich ein Dreieck verändern.
Es kann wachsen, schmaler werden, länger werden und seine Richtung verändern.
Dadurch kann ich mit einer relativ einfachen geometrischen Grundform unterschiedliche Bereiche eines Kleidungsstücks entwickeln.
Aus einer Fläche können unterschiedliche Breiten, Längen und Richtungen entstehen. Und genau hier wird die Geometrie für die Passform interessant.

Aus Geometrie wird Form. Aus Form wird Passform.
Die Dreiecke bei SoN sind deshalb keine Spielerei, sondern das Werkzeug, mit dem ich aus einer zweidimensionalen Fläche ein dreidimensionales Kleidungsstück entwickle.
Wie aus wenigen geometrischen Grundformen ein vollständiges Kleidungsstück entstehen kann, zeigt beispielsweise die ALMA-Jacke, die aus fünf Dreiecken entwickelt wird.

Dreiecke und die dreidimensionale Welt
Dieser Gedanke hat für mich noch eine weitere interessante Verbindung.
Wenn man einen dreidimensionalen Körper in einem Computerprogramm modelliert, lässt sich seine Oberfläche in einzelne Flächen zerlegen – sehr häufig passiert das mit Dreiecken. Aus vielen solchen Dreiecksflächen kann eine komplexe dreidimensionale Form entstehen.
Das ist für mich eine faszinierende Parallele zur SoN-Konstruktion: Auch beim Stricken kann sich ein dreidimensionales Kleidungsstück aus Dreiecken entwickeln.
Natürlich sind die Dreiecke bei SoN keine winzigen Computerelemente. Sie entstehen tatsächlich während des Strickens und übernehmen jeweils eine konstruktive Aufgabe und sind nicht immer direkt optisch wahrnehmbar. Durch Zu- und Abnahmen verändern sich ihre Größe, ihre Richtung und ihr Verhältnis zueinander. So entsteht Schritt für Schritt eine räumliche Form.
Die Dreiecke sind das Werkzeug, mit dem ich die Fläche in eine Form überführe.
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist das ALMA-Top, das sich aus acht zusammengefügten Dreiecken entwickelt:

Und genau hier kommt die Mathematik ins Spiel
Was mich an dieser Konstruktion besonders fasziniert, ist ihre mathematische Logik. Die Dreiecke sind nicht beliebig geformt. Ihr Aufbau folgt bestimmten geometrischen Zusammenhängen. Aus ihrer Form und ihren Verhältnissen ergeben sich die Proportionen des späteren Kleidungsstücks.
Das bedeutet:
Die Passform wird nicht nachträglich aus einzelnen Maßen zusammengesetzt. Sie steckt bereits in der Konstruktion.
Ist das Prinzip einmal verstanden, lässt sich die Konstruktion logisch auf unterschiedliche Größen übertragen. Die Größen entstehen also nicht dadurch, dass jedes einzelne Maß unabhängig voneinander verändert wird. Sie folgen der mathematischen Logik des Systems.
Genau das fasziniert mich an SoN: Aus einer einfachen geometrischen Grundform entwickeln sich nachvollziehbar die Proportionen eines dreidimensionalen, gut sitzenden Kleidungsstücks.
Passform beginnt für mich nicht bei der Größenwahl
Wenn wir ein Strickmodell auswählen, denken wir häufig zuerst an die Größe.
Welche Größe brauche ich?
Wie viele Zentimeter Brustumfang habe ich?
Welche Länge möchte ich?
Diese Fragen sind natürlich wichtig. Aber für mich beginnt Passform früher.
Sie beginnt bei der Konstruktion des Kleidungsstücks.
Denn die entscheidende Frage lautet:
Wie wird aus dem Gestrick eine Form, die mit dem Körper zusammenarbeitet?
Genau diese Frage begleitet mich bei jedem neuen SoN-Modell.
Der OROS-Pullunder links in weiss in Gr. S als Top getragen (benötigt weniger Mehrweite), rechts in grau in Grösse M als Pullunder mit einem Longsleeve getragen (benötigt etwas mehr Mehrweite).
Aus Geometrie wird Passform
Für mich ist die SoN-Konstruktion deshalb weit mehr als eine Möglichkeit, ohne Nähte zu stricken. Die Nahtlosigkeit ist nur das sichtbare Ergebnis.
Dahinter steht ein anderes Verständnis davon, wie ein Kleidungsstück entstehen kann: Der Körper ist dreidimensional. Das Gestrick ist eine Fläche. Und zwischen diesen beiden liegt die Konstruktion.
Die Dreiecke verbinden diese beiden Ebenen. Sie ermöglichen mir, eine Fläche gezielt zu verändern, Richtungen zu verschieben und Proportionen aufzubauen.
Und weil diese Veränderungen einer mathematischen Logik folgen, kann daraus eine nachvollziehbare Größenentwicklung entstehen.
Bei SoN kann aus einer Masche eine Fläche entstehen. Aus Flächen entstehen Dreiecke. Aus Dreiecken entsteht eine Form. Und aus dieser Form entsteht ein Kleidungsstück, das sich um den Körper legt.
Genau das ist für mich SoN.
Und genau deshalb ist Passform für mich keine Frage, die erst am Ende eines Entwurfs auftaucht.
Die Passform ist der Ausgangspunkt und der Grund dafür, warum ich Modelle entwickle, die sich logisch auf unterschiedliche Größen übertragen lassen.
Wenn du die SoN-Konstruktion nicht nur theoretisch verstehen, sondern an konkreten Strickstücken entdecken möchtest, findest du hier meine SoN-Modelle.
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Und nun viel Freude beim Aussuchen & Stricken deines passenden Modells für deine individuelle Körperform!
Sende dir ganz herzliche Strickgrüße
Irina















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