Warum ich keine Trendgarne verkaufe - nachhaltige Strickgarne & Qualitätstipps von Stricken ohne Naht
Ein Garn kann heute überall auf Instagram auftauchen, für einen kurzen Zeitraum gehypt sein und dann schnell wieder verschwunden sein.
Wenn ich ein Garn für meinen Shop auswähle, denke ich nicht zuerst daran, wie gut es sich gerade verkaufen könnte. Ich denke daran, was daraus entstehen kann – und ob dieses Garn auch in einem Jahr noch erhältlich sein wird.
Denn du kaufst ein Garn nicht für den Moment.
Du kaufst es, weil daraus ein Kleidungsstück entstehen soll, das du strickst, wäschst, trägst und hoffentlich viele Jahre gerne anziehst.
Genau deshalb schaue ich bei der Auswahl meiner Garne anders hin.
Als studierte Mode- und Textildesignerin interessiert mich nicht nur, wie sich ein Garn im Knäuel anfühlt oder welche Faser auf dem Etikett steht. Mich interessiert vor allem, wie sich das Material in einem Kleidungsstück verhält.
Ich bin nicht gegen Trends. Im Gegenteil: Ich beobachte sehr genau, was sich in der Strickwelt entwickelt. Aber ein Garn muss für mich mehr können, als gerade gefragt zu sein.
6 Qualitäten, die nicht nur zu den Lieblingsgarnen in meinem Shop gehören, sondern auch seit Jahren mit ihrer Qualität überzeugen.
Warum Trendgarne so schnell kommen und wieder verschwinden
Der Name sagt es eigentlich schon:
Trendgarne sind eng mit einem aktuellen Trend verbunden.
Was heute auf Instagram, Pinterest oder in großen Strickmagazinen gefragt ist, kann wenige Monate später schon wieder an Aufmerksamkeit verlieren. Entsprechend schnell werden neue Qualitäten entwickelt und auf den Markt gebracht.
Für mich liegt darin ein Problem.
Denn ein Garn braucht Zeit, um sich in der Praxis zu bewähren.
Ich möchte ein Garn nicht nur aus dem Knäuel beurteilen.
Ich möchte es verstricken, waschen, tragen und beobachten.
Erst dann bekomme ich ein wirklich gutes Gefühl dafür, wie sich ein Material langfristig verhält.
Ein Garn kann zunächst wunderbar weich sein und später stark pillen. Es kann sich beim Stricken großartig anfühlen und nach dem Waschen seine Form verändern. Es kann ein schönes Maschenbild erzeugen und sich beim Tragen ganz anders entwickeln als erwartet.
Das bedeutet nicht, dass Trendgarne grundsätzlich schlecht getestet werden. Aber: Je kürzer die Zeit ist, in der eine Qualität am Markt ist, desto weniger eigene Erfahrung kann ich mit ihr sammeln.
Und genau diese Erfahrung ist für meine Garnauswahl für euch entscheidend.
Genau deshalb kaufe ich keine Garne nur nach dem Trend
Wenn ich ein Garn in meinen Shop aufnehme, möchte ich mehr damit machen können, als es für eine Saison anzubieten.
Ich möchte daraus Modelle entwickeln, an denen ihr lange Freude habt.
Ich möchte erklären können, warum ich dieses Garn für ein bestimmtes Modell ausgewählt habe.
Ich möchte euch zeigen können, wie sich die Faser und die Garnkonstruktion auf das Strickstück auswirken.
Und ich möchte euch möglichst auch später noch dasselbe Garn anbieten können.
Denn meine Anleitungen sollen nicht nur für eine Saison funktionieren. Wenn du heute ein Modell entdeckst und es in einem Jahr stricken möchtest, sollte die Chance möglichst groß sein, dass du das dafür vorgesehene Garn noch bekommst.
Genau deshalb ist langfristige Verfügbarkeit für mich ein Teil der Qualität eines Garns.
Eine Erfahrung mit schnell wechselnden Garnqualitäten
Diese Überlegung hat unter anderem dazu geführt, dass ich leider keine Qualitäten von Concept by Katia mehr aufnehme.
Ich habe erlebt, dass neue Garne eingeführt und teilweise schon nach wenigen Monaten wieder aus dem Sortiment genommen wurden – in manchen Fällen nach gerade einmal drei Monaten.
Zwei Qualitäten von Concept, die nach nur wenigen Monaten eingestellt wurden. Beide Garne haben eine sehr gute Qualität, der Hersteller war jedoch nicht mit den Verkaufszahlen zufrieden und hat beide Garne direkt wieder abgesetzt. Ich habe mir einen guten Vorrat gesichert:
Für ein Garn, das ich bewusst für meine Modelle auswähle, sind kurze Verfügbarkeiten nicht akzeptabel.
Denn wenn ich ein Modell entwickle, denke ich nicht nur an den Erscheinungstag.
Ich denke daran, dass die Anleitung auch später noch gekauft und gestrickt werden soll. Und dafür brauche ich eine gewisse Sicherheit bei der Materialversorgung.
Das bedeutet nicht, dass ein Garn für immer erhältlich sein muss.
Aber wenn ich es als Grundlage für ein SoN-Modell empfehle, möchte ich nicht damit rechnen müssen, dass es wenige Monate später bereits wieder verschwunden ist.
Ein SoN-Modell aus Cotton Merino fine von Concept entwickelt - auch hier ist das Garn wieder eingestellt worden. Restbestand ist noch hier zu finden:
Was ein Garn für mich können muss
Ich nehme nicht möglichst viele Garne in meinen Shop auf und treffe eine bewusste Auswahl. Dabei schaue ich auf mehrere Dinge, die zusammenpassen müssen.
1. Die Faser
Welche Faser wurde verwendet?
Ich bin ein grosser Fan von interessanten und ungewöhnlichen Mischungen:
Duna von Amano z.B. enthält Bio-Baumwolle & Alpaka. Was für ein einzigartiges Garn!
2. Die Garnkonstruktion
Auch innerhalb derselben Faser können Garne völlig unterschiedlich sein.
Streichgarn oder Kammgarn?
Locker oder kompakt gesponnen?
Einfachgarn oder mehrfach gezwirnt?
Bouclé- oder gebürstetes Garn?
Für mich ist die Garnkonstruktion mindestens genauso wichtig wie die Faser selbst. Diese beiden Qualitäten sind aus 100% Yak. Beide Garne unterschieden sich jedoch in der Art, wie sie entstanden sind und wofür sie sich eignen.
links ein Kammgarn, rechts ein Streichgarn
3. Die Herkunft
Woher kommt die Faser?
Wo wird das Garn produziert?
Wie nachvollziehbar ist seine Herstellung?
Auch diese Fragen gehören für mich zur Auswahl.
Deshalb spielen Zertifizierungen wie GOTS und eine möglichst transparente Herkunft für mich eine wichtige Rolle.
Sie sind dabei nicht das einzige Kriterium. Aber sie helfen mir, die Qualität und die Herstellungsbedingungen eines Garns besser einzuordnen.
Skadi von Hey Mama Wolf ist ein Strickgarn, das komplett aus Europa kommt, GOTS zertifziert ist und dabei zu den weichsten Schurwollgarnen aus meinem Shop gehört:
4. Die Färbung
Auch die Färbung gehört für mich zum Material.
Ist das Garn naturbelassen?
Wie wurde es gefärbt?
Welche Wirkung hat die Färbung auf die Faser und die Oberfläche?
Ich mag Garne, bei denen die natürliche Qualität der Faser noch sichtbar und spürbar bleibt. Deshalb findest du bei mir auch bewusst ausgewählte naturbelassene Qualitäten und Garne mit nachvollziehbarer Färbung.
5. Das tatsächliche Strickverhalten
Das ist für mich eines der wichtigsten Kriterien.
Ein Garn kann auf dem Papier perfekt aussehen und sich auf der Nadel trotzdem völlig anders verhalten als erwartet.
Wie gleitet es?
Wie elastisch ist es?
Wie bildet es Maschen?
Wie reagieren Zu- und Abnahmen?
Wie verhält es sich bei verkürzten Reihen?
Wie entwickelt sich das Maschenbild nach dem Waschen?
Gerade bei meiner SoN-Konstruktion ist das wichtig.
Denn die Konstruktion beeinflusst die Richtung, in der die Maschen und das Garn im Kleidungsstück liegen. Deshalb kann ein Garn, das in einem klassischen Strickstück gut funktioniert, in einer anderen Konstruktion eine ganz andere Wirkung entwickeln. Material und Konstruktion müssen zusammenpassen.
6. Die Langlebigkeit
Am Ende interessiert mich eine ganz einfache Frage:
Was passiert mit dem Strickstück nach dem ersten, fünften oder zwanzigsten Tragen?
Pillt das Garn?
Verliert es seine Form?
Verändert sich die Oberfläche?
Wird es dünner?
Bleibt das Maschenbild schön?
Behält das Kleidungsstück seine Proportionen?
Denn genau dafür stricken wir doch. Nicht, damit ein Kleidungsstück auf einem Foto schön aussieht. Sondern damit wir es lange und gerne tragen.
Ein Trend kann ein Hinweis sein – aber kein Auswahlkriterium
Natürlich sehe ich, welche Garne gerade beliebt sind. Ich sehe neue Fasermischungen, neue Farben, neue Garnkonstruktionen und die Qualitäten, die gerade auf Instagram und Pinterest auftauchen.
Manches davon finde ich sehr spannend.
Aber Popularität allein reicht für meine Auswahl nicht aus.
Ein Trend kann ein guter Hinweis sein. Er ist aber kein Auswahlkriterium.
Ich möchte ein Garn erst verstehen, bevor ich es euch empfehle.
Und manchmal bedeutet das auch, ein Garn nicht aufzunehmen, obwohl es gerade sehr gefragt ist.
Wenn ein Garn langfristig überzeugt, kann daraus mehr entstehen
Wenn mich ein Garn wirklich überzeugt, kann daraus viel mehr werden als ein einzelnes Produkt. Dann kann daraus ein SoN-Modell entstehen.
Aus dem Modell kann ein Wollpaket entstehen. Ich kann erklären, warum dieses Garn für genau diese Konstruktion geeignet ist. Ich kann einen Wissensbeitrag dazu schreiben. Und ich kann euch auch später noch zu diesem Modell und diesem Material führen.
So entsteht für mich ein Zusammenhang: Problem → Fachwissen → Materialentscheidung → Konstruktion/Modell → Produkt
Und genau diesen Zusammenhang möchte ich euch zeigen.
Denn ich möchte nicht einfach möglichst viele Garne verkaufen.
Ich möchte euch helfen, das richtige Material für das richtige Strickprojekt auszuwählen.
Warum ich Garne für die Lebensdauer eines Strickstücks auswähle
Wenn du ein Garn kaufst, kaufst du kein Knäuel für ein paar Wochen.
Du kaufst Material für viele Stunden Arbeit. Wahrscheinlich strickst du mehrere Wochen oder Monate an einem Pullover.
Du wäschst ihn.
Du trägst ihn.
Du kombinierst ihn mit deiner vorhandenen Garderobe.
Vielleicht wird er zu einem Kleidungsstück, das du über Jahre immer wieder aus dem Schrank holst.
Deshalb denke ich bei meiner Garnauswahl nicht nur an den Moment des Kaufs.
Ich denke an das fertige Kleidungsstück.
Fazit: Ich verkaufe Garne nicht für den Trend
Ich bin nicht gegen Trends. Manche Trends haben das Potenzial, zu echten "Evergreens" zu werden.
Aber ich möchte, dass ein Garn bei Stricken ohne Naht mehr ist als ein kurzlebiger Hype. Ich möchte damit Modelle entwickeln, die ihr gerne strickt, gerne tragt und auch später noch nachstricken könnt.
Deshalb wähle ich meine Garne nicht danach aus, was gerade besonders oft auf Instagram auftaucht. Ich wähle sie danach aus, was sie können. Denn ein gutes Garn muss für mich nicht heute begehrt sein. Es muss morgen noch funktionieren.
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Hier findest Du einen passenden Beitrag "Weiße Wolle: Warum weißes Strickgarn so unterschiedlich aussieht".
Und nun viel Freude beim Aussuchen & Stricken deines Modells mit einem Garn aus meinem Shop!
Sende dir ganz herzliche Strickgrüße
Irina






















Hallo Liebe Irina Heemann, ich bekomme seit einiger Zeit diesen Newsletter. Jedes mal lese ich mit Freude die Nachrichten. Viele gute Info s, Tipps, die ich hier erfahre, lese interessieren mich. Tipps, die ich noch nicht kenne, Eigenschaften von Wolle, den Verwendungszweck. Ich stricke seit vielen Jahren, teilweise jeden Abend, weil es mir Freude macht. Dieser Newsletter ist ganz besonders. Ich merke, Sie stehen hinter dem Newsletter, das lese ich jedes mal heraus. Sie strahlen die Leidenschaft für s Stricken, für Wolle hinaus.
Grundsätzlich schreibe ich keine Antworten auf Newsletter, aber hier möchte ich danke sagen. Ich freue mich auf die nächsten Nachrichten.
Liebe Grüße
Heike Rösner