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Fold Wrap von Anne Ventzel – wenn die Garnkonstruktion die Wirkung verändert

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit


Manchmal sieht man ein Strickmodell und denkt zunächst:

Das ist doch nur eine Frage der Maschenprobe.


Der Fold Wrap ist eine feminine Strickjacke mit Gürtel, deren Silhouette stark von ihrer Konstruktion lebt. Sie wird nahtlos von oben nach unten gearbeitet. Ausgehend vom Nacken wird die Form zunächst über die Schultern und später über Zunahmen an den Armausschnitten aufgebaut. Verkürzte Reihen am Rumpf unterstützen zusätzlich die Form. So entsteht die charakteristische Wickel- und Drapierwirkung des Modells.


Fold Wrap von Anne Ventzel
Wickeljacke mit Gürtel von Anne Ventzel

Genau deshalb finde ich die Wahl des Garns hier besonders interessant. Denn ein Modell, dessen Form durch Konstruktion und Drapierung entsteht, braucht ein Material, das diese Bewegung unterstützt – und nicht unnötig versteift.


Als studierte Mode- und Textildesignerin interessiert mich bei einem Strickmodell deshalb nicht nur, ob ich die angegebene Maschenprobe erreiche. Ich frage mich auch: Wie verhält sich dieses Garn in dieser Konstruktion?


Das Original und meine Wollpaket-Version


Für mein Wollpaket für den Fold Wrap habe ich mich bewusst vom Originalgarn entfernt:

Das Original wird aus einem Kammgarn & einer Mohair/Seidemischung gestrickt.

Für meine Version habe ich ein Streichgarn & ein gebürstetes Alpakagarn gewählt.


Ich habe somit das Kammgarn gegen ein Streichgarn und Mohair/Seide gegen gebürstetes Alpaka ersetzt.


Und auch bei der Lauflänge gibt es einen deutlichen Unterschied:

Das Originalgarn hat 108 m, mein Streichgarn dagegen 175 m auf die gleiche Gewichtseinheit.


Das sind keine kleinen Abweichungen. Ich habe damit nicht einfach ein Garn in einer anderen Farbe ausgesucht, sondern die Materialeigenschaften des Strickstücks bewusst verändert.


Fold Wrap von Anne Ventzel
Das Original ist aus einem Kammgarn gestrickt. Für mein Wollpaket habe ich dagegen ein Streichgarn für mehr Geschmeidigkeit eingesetzt.

Kammgarn oder Streichgarn – das macht einen Unterschied


Kammgarn und Streichgarn unterscheiden sich nicht nur in ihrer Bezeichnung.


Beim Kammgarn sind die Fasern stärker parallel ausgerichtet. Das Garn wird dadurch meist kompakter, glatter und klarer in seiner Oberfläche. Das fertige Gestrick kann dadurch eine andere Formstabilität und eine deutlichere Maschendefinition bekommen.


Ein Streichgarn ist dagegen voluminöser aufgebaut. Die Fasern liegen weniger streng parallel, wodurch das Garn luftiger und weicher wirken kann.


Dabei geht es mir nicht darum, das Gestrick dünner oder lockerer zu machen. Im Gegenteil: Mein Streichgarn bringt ein vergleichbares Volumen mit, aber deutlich mehr Geschmeidigkeit. Die längere Lauflänge bedeutet hier also nicht, dass das fertige Gestrick automatisch locker oder gar löcherig wird.


Die Fülle des Materials soll erhalten bleiben – nur die Art, wie sich das Gestrick bewegt, möchte ich verändern.


Und genau dieses andere Verhalten war für mein angelegtes Wollpaket des Fold Wrap interessant: Denn wenn eine Konstruktion vom Falten und Wickeln lebt, möchte ich nicht nur wissen, welche Maschenprobe das Garn erreicht.

Ich möchte wissen, was das Gestrick mit dieser Konstruktion macht.


Was passiert mit dem Fall?


Hier wird für mich die Verbindung zwischen Garn und Konstruktion besonders spannend:

Ein kompakteres Kammgarn kann ein Gestrick erzeugen, das relativ klar und stabil wirkt.

Mein luftiges Streichgarn bringt dagegen ein vergleichbares Volumen, aber mehr Geschmeidigkeit und einen weicheren Fall in das Gestrick.


Dazu kommt die deutlich längere Lauflänge: 108 m gegenüber 175 m auf 50 g. Das bedeutet zunächst einmal, dass mein Garn bei gleichem Gewicht wesentlich länger läuft. Entscheidend ist für mich aber nicht die Lauflänge allein, sondern das Zusammenspiel aus Lauflänge, Garnkonstruktion und Volumen. Mein Streichgarn bringt dabei eine vergleichbare Fülle mit, wirkt im Gestrick aber deutlich geschmeidiger.


Zusammen mit der anderen Garnkonstruktion entsteht dadurch ein Strickstück mit einer anderen Haptik und einem anderen Fall.

Und genau das möchte ich bei einem Wickelmodell erreichen:

Das Gestrick soll sich bewegen können.


Anne Ventzel Fold Wrap stricken Wollpaket
FOLD WRAP von Anne Ventzel – eine Konstruktion, bei der Fall und Drapierung wesentlich zur Wirkung beitragen.

Auch beim Flausch habe ich mich bewusst entschieden


Beim Original wird Mohair als Beilauffaden eingesetzt. Ich habe stattdessen ein gebürstetes Alpakagarn gewählt.


Auch beim Flauschgarn habe ich bewusst anders gewählt: Das gebürstete Alpaka läuft mit 100 m auf 25 g deutlich kürzer als das Mohair/Seide des Originals mit 212 m auf 25 g. Es bringt damit deutlich mehr Material pro Gewichtseinheit mit. In der optischen Wirkung entsteht dadurch trotz der unterschiedlichen Faser eine ähnliche Fülle – für mich allerdings mit einem geschmeidigeren Charakter.


Auch hier geht es mir nicht darum, dass beide Fasern identisch wären. Das sind sie natürlich nicht - weder durch ihre Eigenschaften noch durch die Lauflänge.


  • SoNaka von SoN aus reiner Babyalpaka
    SoNaka von SoN aus reiner Babyalpaka
  • SoNaka von SoN aus reiner Babyalpaka
    SoNaka von SoN aus reiner Babyalpaka
  • SoNaka von SoN aus reiner Babyalpaka
    SoNaka von SoN aus reiner Babyalpaka

Das Alpaka bringt trotz anderer Faser eine ähnliche optische Fülle bzw. ein ähnliches Volumen mit, aber mehr Geschmeidigkeit.


Aber beide können eine weiche, haarige Oberfläche erzeugen und dem Strickstück diese besondere Flauschigkeit geben. Alpaka bringt dabei seine eigenen Eigenschaften mit – und damit wiederum einen leicht anderen Charakter.


Das ist für mich beim Zusammenstellen eines Wollpakets entscheidend:

Ich suche nicht nach einer möglichst exakten Kopie der Originalmaterialien.

Ich suche nach einer Materialkombination, die die Idee des Modells unterstützt.


Dabei geht es nicht darum, das Originalmaterial zu ersetzen, weil es „falsch“ wäre. Ich treffe eine andere ästhetische Entscheidung: Ich möchte die flauschige Oberfläche erhalten, ihr aber durch das gebürstete Alpaka und die Kombination mit dem Streichgarn einen weicheren, geschmeidigeren Charakter geben.


Warum mich das Original trotzdem zum Nachdenken gebracht hat


Beim Betrachten des Originals habe ich den Eindruck, dass das Strickstück kompakt und für meinen Geschmack zu wenig geschmeidig wirkt. Besonders an den Ärmeln und in den Falten, die beim Wickeln entstehen, fällt mir die eher kompakte Wirkung des Gestricks auf.


Ich würde daraus allerdings nicht pauschal schließen, dass das verwendete Garn oder die Nadelstärke „falsch“ ist. Denn wir sehen am Ende immer nur ein konkretes Ergebnis einer bestimmten Material- und Verarbeitungskombination.


Was ich aber sehr deutlich sehe, ist:

Die Garnwahl beeinflusst die Wirkung der Konstruktion.

Und gerade bei einem Modell wie dem Fold Wrap ist das für mich besonders relevant. Wenn eine Konstruktion vom Wickeln, Falten und Drapieren lebt, sollte das Material diese Bewegung nicht unnötig behindern.


Eine Anleitung ist keine Materialvorschrift


Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die ich aus diesem Projekt mitnehme.

Eine Strickanleitung gibt uns eine Konstruktion, Maße, Maschenprobe und meist eine Garnempfehlung. Aber sie kann nicht vollständig vorgeben, wie sich unser persönliches Strickstück anfühlen und bewegen wird.


Denn dafür sind zu viele Faktoren beteiligt:

Faser.

Garnkonstruktion.

Lauflänge.

Zwirnung.

Nadelstärke.

Maschendichte.

Und natürlich die Konstruktion des Modells selbst.


Deshalb kann ein Modell mit einem anderen Garn plötzlich völlig anders wirken – obwohl die Maße übereinstimmen.

Mein Wollpaket für den Fold Wrap


Genau aus diesem Grund habe ich ein eigenes Wollpaket zusammengestellt:

Ich habe mich für gebürstetes Alpaka und ein Streichgarn entschieden, weil mir diese Kombination für die Konstruktion des Fold Wrap besonders passend erscheint.


Ich möchte eine bestimmte Wirkung mit den Garnen erzielen können:

weicher, geschmeidiger und beweglicher.


Für mich gehört diese Materialentscheidung genauso zum Strickdesign wie die Wahl der Farbe oder der Nadel. Denn Garn ist nicht einfach nur das Material, aus dem ein Strickstück entsteht. Garn ist ein Gestaltungsmittel.

Und manchmal entscheidet gerade die Garnkonstruktion darüber, ob eine interessante Strickkonstruktion ihre Wirkung wirklich entfalten kann.


Ich hoffe, dir hat das heutige Thema "Fold Wrap von Anne Ventzel – wenn die Garnkonstruktion die Wirkung verändertin diesem Beitrag gefallen.

Gerne kannst du den Beitrag auch an andere weiterleiten oder weiterempfehlen – darüber würde ich mich sehr freuen!



Und nun viel Freude beim Aussuchen & Stricken des Fold Wraps!


Sende dir ganz herzliche Strickgrüße

Irina

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